Das Spannungsfeld der modernen Bharata-Natyam-Tänzerin: Lehre der Tradition oder traditionelle Lehre?


Der vorliegende Blog ist ein überarbeiteter Auszug aus:

Bansal-Tönz, Scharmila: Untersuchungen der Lieder Purandaradāsas (1484 – 1564) und ihrer modernen Rezeption im indischen Tanz Bharata Natyam. Zürich : Universität, 2018.

Dissertation an der Universität Zürich, 2017

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Die Autorin als junge Tänzerin, 8.10.1993 (Bild: A. Tönz)

Das moderne Bharata Natyam ist Teil einer südindischen Performance-Kultur, die in der Vergangenheit eine eigentümliche Art der Selbstwahrnehmung und -darstellung entwickelt hat. Dies begründet sich in der Art, wie sich diese Performance-Tradition selbst reflektiert: Es ist eine teilweise rekonstruierte, teilweise ideologisierte Geschichte, die den Anspruch einer elitären Kunstdarstellung hat und auf einer historisch geprägten Idee von «Indianness» aufbaut. Im indischen Tanz Bharata Natyam besteht daher ein Nebeneinander eines idealisierten Selbstbildnisses und die gleichzeitige Berufung auf eine authentische Tradition – ein komplexes Zusammenspiel von Authentizität, Ideologie, Klassizismus und Geschichte.1 Die folgenden Ausführungen beschreiben dieses künstlerisch-historische Spannungsfeld am Beispiel meiner eigenen tänzerischen und musikalischen Ausbildung. 

Zum Gedenken an B. K. Chandramouli

B. K. Chandramouli

Am 20. Juli 2018 ist einer der grossen Mridangam-Künstler der klassischen südindischen Musik gestorben. B. K. Chandramouli war Mitglied einer grossartigen Künstlerfamilie und ein Meister seines Fachs.

Mitte der 1980er Jahre kam B. K. Chandramouli erstmals in die Schweiz, im Rahmen einer Einladung meiner Mutter Vijaya Rao und ihrer indischen Tanzschule Nateschwara. Die Bekanntschaft zwischen ihr und Chandramouli war über die Jahre von einer guten Freundschaft geprägt. So wurde er für mich zur Vaterfigur und einem liebevollen Lehrer, den ich unglaublich schätze.

Tanzen für den Kopf

«Gut für Körper und Geist» ist ein gängiger Slogan, den man gerne auf Flyer oder Poster für angepriesene Tanzkurse lesen kann. Doch dahinter steckt weit mehr, als nur eine plakative Phrase. Dass Tanzen gesund für den Körper ist, diesen Umstand muss ich hier kaum weiter ausführen. Tanz fordert unseren Körper sowohl in Ausdauer als auch in Kraftmaximierung. Tanzen ist daher so effektiv und gesund, wie ein gutes Intervalltraining oder vielseitig gestaltete Fitnessprogramme. Siehe dazu auch meinen Blog über das ideale Tanztraining.

Wieviel Einfluss Tanz auf unseren Geist – also unser Gehirn – hat, dies untersuchte man wissenschaftlich an der Universität von Maryland und der Universität in Houston. Die Ergebnisse dieser dreijährigen Studie sind letztes Jahr herausgekommen. Sie bestätigen das, was mir als Tänzerin schon lange klar war. Es ist bspw. sofort offensichtlich, wie positiv sich Tanz auf die kognitive Leistung auswirkt, wenn man sich betagte Tänzerinnen anschaut, die auch in hohem Alter noch unglaubliche Schaffenskraft an den Tag legen. Ich denke da spontan an Anna Halprin, die grosse amerikanische Tanzpionierin. Ich sah Videos von ihr, da war sie weit über 80 Jahre alt, wirkte geistig aber wie eine Frau von der Hälfte ihres Alters.

Tanzen und Tanz lernen bedeutet viel Kopfarbeit.

Die erwähnte amerikanische Studie über Tänzer und ihr Gehirn bestätigte also diese Erfahrung von mir – und vermutlich allen Tänzerinnen: Das Gehirn wird im Tanz nicht nur im Bereich der Bewegung und Motorik, sondern allumfassend gefordert. In einem Bericht der Tanzzeitschrift dancemagazine.com wird Karen Kohn Bradley zitiert, eine pensionierte Professorin des Tanzdepartements der Uni Maryland. Sie weist darauf hin, dass man im Tanz Aspekte wie Raum, Zeit, Ablauf, Ausdruck usw. gleichzeitig beachten muss. Tanzen ist also Multi-tasking, oder es trainiert zumindest unsere Fähigkeit dazu.