Eine Frage des Stils

– oder –

Gedanken zur Verwurzelung des Bharata Natyams ausserhalb Indiens

Die aktuelle Globalisierung und multimediale Vernetzung von Kunst und Künstlern stellt alle Beteiligte vor grosse Herausforderungen, die genauso spannend wie anspruchsvoll sind. Wenn ich im Internet stöbere, dann stosse ich auf dutzende von Schulen in meinem Umkreis, die Kurse in klassischem indischen Tanz anbieten. Praktisch jedes hier aufwachsende Mädchen aus Srilanka oder Indien, welches ich antreffe, hat schon einmal Bharata Natyam, Kathak oder Odissi gelernt oder ist immer noch dabei. Wenn ich auf Facebook gehe, habe ich manchmal das Gefühl, ich kann mich gar nicht so schnell mit den Tänzerinnen in meiner Region vernetzen, wie wieder Neue auftauchen. Dass Bharata Natyam und der Beruf der indischen Tänzerin einen solchen Boom erlebt, finde ich einerseits bemerkenswert und toll. Ich kann mich noch gut an eine Zeit erinnern, als man die indischen Tanzschulen in der Deutschschweiz an einer Hand abzählen konnte. Und ich weiss aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie schwierig und zermürbend der Künstlerberuf in einem Land wie der Schweiz sein kann. So ist es umso erstaunlicher, dass sich alleine im Raum Zürich aktuell Dutzende von indischen Tanzschaffenden befinden, die diese Tätigkeit teil- oder hauptberuflich verfolgen.

Doch welche Konsequenzen hat eine solche Entwicklung für die Art und Weise, wie wir klassischen indischen Tanz praktizieren? Vor der Ära von Anna Pavlova (1881 – 1931), Ruth St. Denis (1879 – 1968) und Rukmini Devi Arundale (1904 – 1986), als sich die Bharata Natyam-Tradition, oder wie man die Vorgängerform des Bharata Natyam auch nennen will, nur innerhalb des indischen Subkontinents entwickelte, konnte man es verschiedenen regionalen Stilen zuordnen. Man sprach vom Mysore-Stil, vom Tanjavur-Stil oder vom Pandanallur-Stil. Später, mit dem Aufkommen der grossen privaten Tanzschulen und einzelner Tänzerinnen-Persönlichkeiten gab es den Kalakshetra-Stil, den Padma Subrahmanyam-Stil oder den Darpana-Stil. Diese Stilrichtungen konnten auch nach der Etablierung von Schulen im Ausland eine Weile aufrecht gehalten werden. Gerade prominente Stile wie den Kalakshetra-Stil erkennt man heute noch sofort. Das war vor allem möglich, weil die Tanzschulen ausserhalb Indiens kleine zeitlose Oasen waren, die abgekapselt von äusseren Einflüssen jahrelang und unverändert denselben Tanzstil verfolgten. Ausserdem herrschte ein starkes schwarz-weiss-Denken, angeführt vom Leitgedanken, dass sich alles in „guten“ und „schlechten“ Bharata Natyam einteilen lässt. Somit folgte jeder mit Scheuklappen nur dem was er kannte

Diese Bedingungen haben sich in den letzten zehn Jahren grundlegend verändert. Westliche indische Tänzerinnen die Tanzschulen aufmachen, der Bollywood-Boom, die wachsende indische Diaspora, Bharata Natyam-Stile aus Srilanka, dies sind, um nur einige zu nennen, alles neue Einflüsse, die die globale Welt des Bharata Natyam völlig neu gestalten. Kulturelle Grenzen verschwinden, neue Traditionen werden gebildet, neue Stile entstehen. Bharata Natyam ausserhalb Indiens ist nicht mehr ein exportiertes indisches Kulturgut. Es verwächst mehr und mehr mit den lokalen Strukturen, weil es hier hauptsächlich von bi-kulturell aufgewachsenen Tänzerinnen getragen wird, die ausserhalb Indiens sozialisiert wurden.

Mir ist bewusst, dass ich hier die sozio-kulturellen Bedingungen, unter welchen Bharata Natyam sich ausserhalb Indiens verbreitet, etwas arg vereinfache. Aber Tatsache ist, dass sich die meisten Artikel, die ich zur indischen Diaspora und zur globalen Verbreitung von indischem Tanz gelesen habe, sich vor allem damit beschäftigen, wie er sich verbreitet, aber nicht darum, wie er sich neu verwurzelt. Die stetig wachsende Masse an Künstlerinnen im Bharata Natyam-Feld kreiert eine immer grösser werdende Vielfalt, die bewältigt werden will. Diese neue Dynamik resultiert einerseits in einem verstärkten Künstler-Individualismus, für den die sozialen Medien die ideale Plattform zur Selbstdarstellung bieten. Andererseits verbinden sich nun Künstlerinnen trotz unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichem Tanz-Hintergrund. Meine Freundin entdeckte kürzlich eine solche Verbindung in unserer Region und nannte es eine regelrechte Bharata Natyam-„Underground“-Bewegung. Tänzerinnen tauschen Vorschläge für Choreographien in WhatsApp-Gruppen aus, posten auf Youtube ihre neusten Kreationen und sammeln gegenseitig Likes für unkonventionelle Ideen oder die immer noch hoch angesehene Traditionstreue.

Alleine in den letzten zehn Jahren stellt dies eine enorme Entwicklung für unser Genre dar. Während man sich früher davor fürchtete, Zuschauer könnten originelle Choreographien durch Videoaufnahmen stehlen, ist das bewegte Bild heute das Aushängeschild für jede indische Tänzerin. Stil- und traditionelle Repertoire-Vorgaben entsprechen nicht mehr der aktuellen Dynamik in der hiesigen Tanzszene. Bei einer solch hohen Tänzerinnen-Dichte zählt das Hervorstechen aus der Masse. Ich spreche hier nicht von der „anything goes“-Kultur, dem Fusion-Phänomen oder der Kommerzialisierung, die alle Kunstbereiche gleichermassen tangiert. Ich spreche von neuen Normen, die alte Strukturen ablösen und damit die Tanzkultur an eine neue Mentalität anpassen. Bekommt diese Dynamik genügend Bewegungsspielraum, können wir in einigen Jahren bestimmt von einem Toronto-Stil, von einer Kalifornischen Schule oder von den Charakteristiken des Singapur-Bharata Natyams sprechen. Eines ist sicher, die Nabelschnur zum Mutterland Indien ist gekappt. Bharata Natyam ist dort zu Hause, wo er gelebt wird.

Ich für meinen Teil bin verwurzelt in meinem Herkunftsland, der Schweiz. Hier habe ich Tanz gelernt, habe ihn dem hiesigen Publikum gezeigt und unterrichte ihn an Mädchen und junge Frauen die ebenfalls hier leben. Auch wenn ich meinen tänzerischen Ursprung in Indien kenne, einen bestimmten Stil gelernt habe und offensichtliche Unterschiede erkenne, wenn ich andere lokale Bharata Natyam-Tänzerinnen sehe, so möchte ich mich doch mit ihnen austauschen, mit ihnen trainieren und ihre Choreographien ausprobieren. Ich möchte sowohl die Vorgaben der alten Gurus befolgen, als auch mein Know-How und die Erkenntnisse aus meiner praktischen Erfahrung in meinen Tanz einfliessen lassen. Und ich möchte Dinge, die mich stören hinterfragen können, ohne dass deswegen gleich meine ganze Loyalität zur Tradition in Frage gestellt wird. All das wird meinen Stil beeinflussen. So ist es doch langfristig weniger relevant, ob ich Cheyyur-, Mysore- oder Kalakshetra-Stil tanze oder ob die getanzte Choreographie 50, 200 oder 900 Jahre alt ist. Viel bedeutsamer ist die Frage, welche Heimat ich dieser Kunst durch meine Arbeit gebe und wie nachhaltig mein Wirken für die Kunst sein kann.

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Obwohl die Allgemeinheit Tanz eher mit Tänzerinnen als Tänzern assoziiert, komme ich in meinen Blogs der Genderfrage nur insofern nach, als dass ich beide
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