Tanzen für den Kopf

«Gut für Körper und Geist» ist ein gängiger Slogan, den man gerne auf Flyer oder Poster für angepriesene Tanzkurse lesen kann. Doch dahinter steckt weit mehr, als nur eine plakative Phrase. Dass Tanzen gesund für den Körper ist, diesen Umstand muss ich hier kaum weiter ausführen. Tanz fordert unseren Körper sowohl in Ausdauer als auch in Kraftmaximierung. Tanzen ist daher so effektiv und gesund, wie ein gutes Intervalltraining oder vielseitig gestaltete Fitnessprogramme. Siehe dazu auch meinen Blog über das ideale Tanztraining.

Wieviel Einfluss Tanz auf unseren Geist – also unser Gehirn – hat, dies untersuchte man wissenschaftlich an der Universität von Maryland und der Universität in Houston. Die Ergebnisse dieser dreijährigen Studie sind letztes Jahr herausgekommen. Sie bestätigen das, was mir als Tänzerin schon lange klar war. Es ist bspw. sofort offensichtlich, wie positiv sich Tanz auf die kognitive Leistung auswirkt, wenn man sich betagte Tänzerinnen anschaut, die auch in hohem Alter noch unglaubliche Schaffenskraft an den Tag legen. Ich denke da spontan an Anna Halprin, die grosse amerikanische Tanzpionierin. Ich sah Videos von ihr, da war sie weit über 80 Jahre alt, wirkte geistig aber wie eine Frau von der Hälfte ihres Alters.

Tanzen und Tanz lernen bedeutet viel Kopfarbeit.

Die erwähnte amerikanische Studie über Tänzer und ihr Gehirn bestätigte also diese Erfahrung von mir – und vermutlich allen Tänzerinnen: Das Gehirn wird im Tanz nicht nur im Bereich der Bewegung und Motorik, sondern allumfassend gefordert. In einem Bericht der Tanzzeitschrift dancemagazine.com wird Karen Kohn Bradley zitiert, eine pensionierte Professorin des Tanzdepartements der Uni Maryland. Sie weist darauf hin, dass man im Tanz Aspekte wie Raum, Zeit, Ablauf, Ausdruck usw. gleichzeitig beachten muss. Tanzen ist also Multi-tasking, oder es trainiert zumindest unsere Fähigkeit dazu.

Doch was heisst das konkret? Während eine Tänzerin tanzt muss sie neben der Bewegung und der Körperkoordination gleichzeitig viele andere Dinge beachten. Reicht der Raum aus, um meine Bewegung auszuführen? Wo werde ich im Raum stehen, wenn diese Schrittabfolge abgeschlossen ist? Mit welchem Tempo muss ich beginnen, damit ich die richtige Endgeschwindigkeit erreiche? Wie komme ich aus der Endhaltung dieses Elements in die Anfangshaltung jenes Elements? Die Überlegungen sind scheinbar endlos und alle absolut relevant, um eine gelungene Performance abzuliefern. Auch strategische Entscheidungen gehören dazu. Sie beeinflussen, wie wir unsere Energie einteilen oder welche Radien und Schrittgrössen wir nehmen. Und dann wäre da noch die emotionale Komponente. Wir können nicht ausdrucksvoll tanzen ohne unsere Erinnerung an Gefühle, Situationen oder Ereignisse. Sie müssen willkürlich abgerufen werden können und die emotionale Reaktion darauf muss im Tanz umgesetzt werden. Und vergessen wir nicht, während wir all das tun sollte unser Rücken gerade, unsere Schultern entspannt und unser Becken aufgerichtet sein.

Dieses tänzerische Multi-tasking kann natürlich auch in der umgekehrten Richtung genutzt werden. Wenn ich als Tanzlehrerin weiss, dass das Gehirn als Ganzes am Tanzen beteiligt ist, kann ich dies zu meinem Nutzen machen. Ich kann mit Bildern arbeiten, Suggestionen oder Gefühlserfahrungen nutzen usw., um meine Schüler in die richtige Richtung zu bringen. Diese Strategien haben sich in meinem Unterricht schon öfters als sehr nützlich erwiesen. Sie haben einige Male mehr Lernerfolg eingebracht, als stundenlanges repetieren der gleichen Bewegungsabläufe.

Wenn Ihr also das nächste Mal irgendwo lest, dass Tanz gut für Körper und Geist ist, dann denkt daran, das ist WIRKLICH so!

 

Hier geht’s zum Artikel von dancemagazine.com.

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