Über die Freude zu Tanzen

The Joy of Dancing

Ich habe vor einigen Monaten den Film „Dancer“ über den jungen Balletttänzer Sergei Polunin gesehen. Der Film hat mich tief berührt. Ich stand selbst bereits als Kind auf der Bühne. Die Emotionen, den Druck und die Verlorenheit des erwachsen werdenden Tänzers, wie sie in diesem Film dargestellt werden, kann ich sehr gut nachempfinden. Der Film hat mich aber auch Demut gelehrt. Wie klein und unbedeutend sind meine Schmerzen und meine Verzweiflung, die ich in meiner Karriere durchlebt habe, im Gegensatz zu dieser tragischen Geschichte?! Die wahre Tragik dieser Biografie zeigte sich vor allem in einer Aussage von Polunin gegen Ende des Films. Er habe vergessen, warum er eigentlich tanze, weswegen er sich aus dem professionellen Tanz zurückgezogen hat. Er entdecke die Freude am Tanz erst jetzt, da er keinen Grund mehr hat, zu tanzen.

Die Freude zu tanzen – ich erlebe sie seit einigen Monaten in ihrer ursprünglichsten Form. Kleine, zarte Kinder von drei und vier Jahren, mit einer unendlichen Fantasie und einer scheinbar niemals versiegenden Energie, wirbeln um mich herum und bewegen sich zu Musik wie kleine Glühwürmchen. Sie kennen keine Konventionen, keinen Stil, keine Technik, sondern schöpfen nur aus der reinen Freude am Körperausdruck.

Ich unterrichte Kinder und Teenager schon seit vielen Jahren. Die Art der Entzückung, die mir nun im Unterricht mit den ganz Kleinen entgegen strömt, habe ich mit grösseren Kindern selten erlebt. Diese Erfahrung hat mich als Tanzlehrerin sehr bereichert. Ich denke, es wäre für alle Tanzlehrer, wichtig, diese Erfahrung mit Kleinkinderunterricht zu machen, auch wenn das nicht ihre primäre Zielgruppe ist. Im Unterricht mit älteren Kindern und Teenagern kommt man schnell in die Gewohnheit, seine eigene Begeisterung für die Kunst auf die Schülerinnen übertragen zu wollen. Man scheitert zwar selten, in den meisten Fällen kann man die Augen der Kinder durch einen engagierten Unterricht zum Leuchten bringen. So war es auch bei mir. Für die Zeit des Unterrichts strahlten die Gesichter und ich hoffte, dass ich genug Glut in ihnen gelegt hatte, damit das Feuer von selbst weiterbrennt. Aber wenn ich ehrlich bin, war das seltener der Fall, als ich es mir gewünscht hätte. Sobald es anstrengend wurde oder mehr Konzentration abverlangt wurde spürte man, dass die Eigenmotivation der Kinder leider nicht sehr gross war.

Die Erkenntnis kam mir, als ich meine Schülerinnen an einem indischen Festanlass antraf. Die Kinder tanzten ausgelassen und ungezwungen zu heissen Bollywood-Klängen. Ich erkannte diese jungen Menschen kaum wieder. Ihre Körper bewegten sich mit so viel Energie und sie waren so präsent im Moment, dass ich vor Staunen stehen blieb und sie bewundernd beobachtete.

„Habt Spass am Tanz! Zeigt, dass ihr Spass habt!“ – Diese Aufforderungen hörte auch ich als Tanzschülerin ganz oft. Aber wenn ich mir heute meine kleinen fröhlichen Tanzmäuse im Kindertanzkurs ansehe, ist diese Freude am Tanz ganz natürlich vorhanden. Ich frage mich daher, ob es nicht viel mehr darum geht, den Spass am Tanz zu erhalten?! Alle Kinder und Teenager, die Tanz lernen wollen, waren vermutlich einmal solch fröhliche Wirbelwinde. Und wenn ich an die besagte Bollywood-Disco zurückdenke, dann steckt diese Freude wohl immer noch tief in ihnen drin. Aber irgendwo auf dem Weg, der sie eigentlich in die Welt des klassischen Tanzes hineinführen sollte, haben sie ihre natürliche Freude daran verloren.

Akademischen Tanz, zu welchem ich Bharata Natyam zähle, zu lernen, ist natürlich kein Zuckerschlecken. Dazu gehört wie in allen Hochleistungssportarten – zu welchen ich klassischen Tanz ebenfalls zähle – Disziplin, Wille und Fleiss. Und das ist selbstverständlich mit Mühe, Schweiss und Verzicht verbunden, was zeitweise ziemlich demotivieren kann. Aber die positiven Emotionen müssen in jedem Fall überwiegen, denn sonst wäre es nie möglich, dass eine solche Kunst immer weiterlebt. Und das Bharata Natyam ist momentan alles andere als am Aussterben, das kann ich mit Sicherheit sagen.

Meine Erkenntnis der letzten Monate ist daher, dass ich meine Freude, meine Begeisterung und meine absolute Leidenschaft für diesen Tanz niemals nachhaltig auf andere übertragen kann. Auf Zuschauer ja, aber nicht auf solche, die selbst tanzen wollen. Diese Freude MUSS von innen kommen, nur dann ist sie echt, nur dann ist sie authentisch. Und nur eine authentische Tänzerin vermag wiederum ihr Publikum zu fesseln. Meine kleinen Mini-Tänzerinnen zeigen mir jede Woche, dass diese Freude nur herausgekitzelt werden muss, es braucht manchmal nur einen Impuls, nicht mehr.

Was ist also auf dem Weg vom kleinen begeisterten Tanzmäuschen hin zum lustlosen Teenager passiert? Lassen wir mal die hormonellen Faktoren beiseite, die bestimmt auch eine Rolle spielen. Der massgebliche Unterschied zwischen dem Tanzunterricht mit kleinen Kindern und dem traditionellen Unterricht im Bharata Natyam ist der Raum für individuelle Kreativität. Kinder brauchen kreative Freiheit. Das ist ein Grundbedürfnis jedes Kindes, das eine Liebe für musischen Ausdruck hegt. Wenn dieses Bedürfnis befriedigt ist, dann öffnet sich sein Geist auch für stilisierte Formen des Ausdrucks, die man ihm aufzeigt. Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, dass sich eine restriktive Art der Bewegung, wie man sie im Tanz erreichen will, nicht durch Entzug der freien Entfaltung bewerkstelligen lässt. Das eine befruchtet das andere. Es ist ein Irrglaube zu denken, dass tänzerische Erziehung und Ausbildung sich nicht mit diesem Wunsch nach Freiheit verbinden lässt.

Man mag mich Idealistin nennen, aber ich bin fest dazu entschlossen, diese reine Freude zu tanzen in Zukunft in meinen Schülern zu erhalten. Dazu muss man das System und die Tradition anpassen. Man muss den jungen Tänzern alle Facetten des Tanzes von Anfang an näherbringen. Kinder sind wie Schwämme, sie saugen alles in sich auf. Manches verfliegt wieder, aber vieles bleibt hängen und offenbart sich oft in ganz ungeahnten und überraschenden Momenten. Als Dank bekommt man kreative, offene und ausdrucksstarke Tänzer, die, egal welchen tänzerischen Weg sie gehen, immer wissen, warum sie es lieben zu tanzen.

0 Comments

Leave a Reply

Disclaimer

Obwohl die Allgemeinheit Tanz eher mit Tänzerinnen als Tänzern assoziiert, komme ich in meinen Blogs der Genderfrage nur insofern nach, als dass ich beide
Geschlechter frei und nach meinem Ermessen verwende.

Da dieser Blog allen zugänglich und für alle verständlich sein soll, die sich dafür interessieren, werde ich auf die diakritische Darstellung von indischen Begriffen
verzichten. Im Normalfall verwende ich für alle spezifischen Begriffe die englische Schreibweise.

©opyright: Alle Bilder und Videos, die in diesem Blog gezeigt werden, sind, sofern nicht anders vermerkt, Eigentum der Autorin. Die Weiterverwendung des Textes oder Teilen davon bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Verfasserin.